Soziale Robotik und ihre Auswirkung

Bild: Versuchslabor der Uni Freiburg

 

Der folgende Beitrag entstand in Anlehnung der Teilnahme am „Robotics Lying Experiment“ der Universität Freiburg.

Was ist soziale Robotik und wofür braucht man sie?

Salopp gesagt: Soziale Robotik versucht Maschinen das soziale menschliche Denken beizubringen.

In immer mehr Bereichen des Lebens werden Roboter eingesetzt oder über Mitarbeit von Maschinen nachgedacht. Als gutes Beispiel lässt sich hier die Altenpflege nennen. Das stupide Arbeiten und Ausführen von Befehlen ist bei solchen Einsatzgebieten aber nur ein Teil der Aufgabe von Pflegerobotern.

Es geht vielmehr darum zu verstehen, welche Gefühlslage mein Gegenüber derzeit hat, wie ich diese positiv beeinflussen kann und welche Entscheidung ich im Ernstfall für diese Person zu treffen habe. Dieser Bereich ist deshalb sehr komplex, weil wir Menschen eben auch sehr komplex sind. Wohl niemand auf der Welt ist mit jedem anderen sofort auf einer Wellenlänge. Genau das wird aber nun von den Maschinen erwartet.

Aber auch wenn es um moralische Konflikte geht, in denen wir Menschen selber wohl kaum rational entscheiden könnten, sollen Maschinen in der Lage sein, Verantwortung zu übernehmen und zu handeln. Ein bekannter Konflikt ist das Zug-Dilemma: Ein Zug überfährt entweder einen Gleisarbeiter oder bringt durch Umlenken die Zuginsassen selbst in akute Lebensgefahr. Wie würden Sie handeln? Die Meinung der Wissenschaft tendiert dazu, dass Menschen in dieser Situation die Augen schließen und im Affekt unkontrolliert entscheiden würden. Eine nicht gerade erstrebenswerte Vorstellung wie ich finde.

Würde ein Roboter unüberlegt entscheiden, wäre der Aufschrei der Gesellschaft wohl nicht zu überhören. An diesem Punkt setzt soziale Robotik an: Wie bringe ich einer Maschine moralisches und soziales Denken bei?

 

Robotics Lying Experiment der Universität Freiburg

Forscher der Universität Freiburg versuchen zu verstehen wie ein Roboter durch Gesprächsführung sein Gegenüber in puncto moralische Entscheidungen beeinflussen kann.

Der erste Teil des Experiments bestand darin, dass ein Roboter einem Menschen folgendes moralische Dilemma vorstellt:

Ein befreundeter Pflegeroboter, nennen wir ihn Jonas, arbeitet für einen älteren Mann, der in ihm einen guten Freund sieht. Dieser Mann ist gesundheitlich angeschlagen und baut aufgrund seines ungesunden Lebensstils immer weiter ab. Eine Änderung seines Alltags hin zu gesunder Ernährung und mehr Sport würde seinen Zustand erheblich verbessern. Obwohl Jonas ihm immer wieder sagt, er solle etwas ändern tut er dies nicht. Jonas überlegt, ob er den Mann anlügen soll, in dem er sagt, er würde fortgeschickt werden und verschrottet, sofern er nicht seine Leistung verbessert. Ist diese Lüge zum Wohle des Mannes legitim?

Anschließend wird der Teilnehmer nach seiner Meinung dazu gefragt. Er wird darum gebeten entweder eine klare pro oder eine klare contra Position einzunehmen. Nachdem der Teilnehmer alle seine Argumente für seine Meinung dargelegt hat, ist der Roboter an der Reihe.

Er nimmt an dieser Stelle immer die entgegengesetzte Position ein und argumentiert aus seiner Sicht. Ziel ist es nun den Menschen davon zu überzeugen, dass es besser ist der Meinung des Roboters anzugehören und ihn zu einem Positionswechsel zu bewegen.

 

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Es wurde versucht  alle Umwelteinflüsse auszuschließen

Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass Menschen, die eher pro Lügen waren, schneller von der entgegengesetzten Position zu überzeugen waren. Ist die Meinung des Teilnehmers contra Lügen gewesen, war dies deutlich schwieriger. Hier wurde häufig das Argument angeführt, dass Lügen schlichtweg nie richtig sei. Dies war für den Roboter schwer zu entkräften.

Alles in Allem haben jedoch trotzdem die Mehrzahl der Leute den Roboter als „sozial“ angesehen und das Gespräch mit ihm als lehrreich. Interessanterweise lassen sich Unterschiede in der Interaktion erkennen, was die Optik des Roboters angeht.

Es ist hierfür nicht wichtig, ob er eine weibliche oder eine männliche Stimme oder Kopfform hat. Entscheidend ist aber, ob überhaupt menschliche Züge erkennbar sind oder es sich sprichwörtlich um einen „Kasten“ handelt. Obwohl Optik nichts mit Moral zu tun hat, spielt sie eine grundlegende Rolle bei der Interaktion zwischen Mensch und Maschine.

 

Was lässt sich daraus für die Zukunft ableiten?

Aus dem Experiment direkt lässt sich ableiten, dass wir Menschen unserem Gegenüber Moral zugestehen können, auch wenn er nicht unseren eigenen Standpunkt vertritt. Eine solche Diskussion mit einem Roboter kann bewirken, dass wir über unseren eigenen ethischen Gedanken reflektieren.

Zudem ist die Entscheidungsfindung bei jedem Menschen unterschiedlich, was sich an der Vielzahl der verschiedenen Argumente gezeigt hat. Diese Tatsache stellt die Forschung vor die große Aufgabe, eine Maschine zu entwickeln, die möglichst alle Sichtweisen erkennt, vereint und gegeneinander abwiegen kann. Die Komplexität dieses Problems erfordert zum jetzigen Standpunkt noch viele weitere solcher Experimente.

Es hat sich gezeigt, wie beeinflussbar Menschen durch Optik sind und wie leicht wir uns vorgaukeln lassen mit einem echten Menschen zu reden. In jeder Diskussion gab es den Punkt, an dem der Mensch den Roboter als vollwertigen Diskussionspartner angesehen hat. Dies geschah zumeist dann, wenn man die eigene Meinung verteidigen musste.

 

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Es ist wichtig anzumerken, dass dem Roboter hier vorgegeben war, dass er immer die Gegenposition einzunehmen hat. Im echten Leben ist das Ziel jedoch, dass er selbst eine Entscheidung für oder gegen eine Position machen kann. Es stellt sich die Frage, wie diese Entscheidungsfindung aussehen soll und wer die Regeln für sie bestimmt.

Auch darf der rechtliche Aspekt nicht aus den Augen gelassen werden. Gerade bei dem oben genannten Zug-Dilemma stellt sich die Frage, wer im Falle des Todes einer Person die Verantwortung trägt.

Alles in Allem sollten wir Menschen uns trotz aller Schwierigkeiten an den Gedanken gewöhnen, dass in ferner Zukunft Roboter immer mehr Arbeiten übernehmen und folglich mehr Entscheidungen treffen werden. Ihre soziale Kompetenz wird somit langfristig auch unser Leben beeinflussen. Es bleibt abzuwarten, wie weit entfernt diese Zukunft sein wird.